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    Von der wihen naht zur Weihnacht

    Die Geschichte der Weihnachtsbräuche


    Anbetung der Madonna mit Kind durch die drei Könige (Aktion "Lebendige Historische Krippe" von Furor Normannicus, Wulfen 2011).

    B rauchtum spielte zu allen Zeiten eine entscheidende und prägende Rolle im Leben der Menschen.

    Man neigt dabei schnell dazu, die eigenen, bekannten und gewohnten Bräuche als allgemeingültig und langlebig anzusehen. Die Traditionen, die oftmals bereits von den Großeltern übernommen wurden, werden so schnell auf frühere Zeiten übertragen. Aussagen wie: "Der Brauch stammt aus alter Zeit" oder "Das war bei uns schon immer so!" zeichnen für diese Wahrnehmung symptomatisch.

    Dabei verändern sich Bräuche und Traditionen immer wieder und wandeln sich. Manchmal langsam und unmerklich, manchmal schnell und bewusst. Man denke beispielsweise an den Einzug der amerikanischen Weihnachtsfigur des Santa Claus, der begleitet von seinen schlittenziehenden Rentieren in den letzten zehn bis zwanzig Jahren verstärkt auch in die deutsche Festkultur und Vorstellungswelt, Eingang gefunden hat.

    Bräuche und Traditionen befinden sich also immer in einer Entwicklung. Manchmal lässt sich die Herkunft einer Tradition problemlos nachvollziehen und über Jahrhunderte in ähnlicher Form wiederfinden. Manche Ideen tauchen aber auch plötzlich auf und werden dann übernommen und verbreitet. Einige heute bekannte oder als typisch empfundene Weihnachtsbräuche sollen daher im Folgenden auf ihre Herkunft und historische Entwicklung hin betrachtet werden.




    Advent und Weihnachten


    Verkündigung an die Hirten: Abbildung aus der Weihnachtsgeschichte in einer nordfranzösischen Bilderbibel um 1200 (Handschrift KB76F5, St. Omer / St.Bertin, f.6v)

    Die Adventszeit zur Erwartung und Vorbereitung des göttlichen Lichtes galt seit dem Mittelalter als geschlossene, als Fastenzeit.

    Bereits in der Spätantike bestanden regional unterschiedliche Praktiken des Fastens um die winterlichen Feiertage. Noch der salische König und Kaiser Konrad II. (1024-1039) nahm an den verschiedenen Fastendauern im Heiligen Römischen Reich Anstoß. So konnte erst zu Beginn des 11. Jahrhunderts die einheitliche Regelung einer vierwöchigen Fastenzeit vor Weihnachten gefunden werden.

    Während der Fastenzeit wurde weder aufwendig (d.h. mehrtägig) gefeiert, noch durften Hochzeiten stattfinden. Die Fastenregeln geboten Abstinenz von tierischen Fetten (Butter und Schmalz) und somit von den meisten nahrhaften und energiereichen Speisen. Auch der Genuss des Fleisches aller warmblütigen, vierfüßigen Tiere war untersagt.

    Als Fastenspeisen wurden Breie und Mehlspeisen, Trockenfrüchte und Fisch gereicht. Aber auch andere im Wasser lebende Tiere wie Krebse sowie jede Art von Geflügel durfte verzehrt werden. Das Adventsfasten wird erst seit 1917 nach dem katholischen Kirchenrecht nicht mehr verlangt.

    Die Feier des Weihnachtsfestes steht in ihrer ursprünglichen Bedeutung hinter der des Osterfestes (Wiederauferstehung Christi) zurück, wurde als "Fest der Geburt" in der Spätantike sogar zunächst gänzlich abgelehnt. Doch bereits Ende des 6. Jahrhunderts wurden unter Gregor I. (Papst von 590 - 604 und bedeutender Kirchenlehrer) drei Heilige Messen zum Weihnachtsfest begangen.

    Das deutsche Wort Weihnachten erscheint erstmals 1170 bei dem Spruchdichter Spervogel im Mittelhochdeutschen, als aus dem lateinischen "nocte sancta" das "ze den wîhen nahten" wird.

    Er ist gewaltic unde starc,
    der ze wîhen naht geboren wart:
    daz ist der heilige krist.
    jâ lobt in allez, das der ist.
    niewan der tievel eine
    durh sînen grôzen übermout
    sô wart îme diu helle ze teile.
    Er ist gewaltig und stark,
    der zu Weihnacht geboren ward:
    das ist der heilige Christ.
    Ja lobt ihn - alles, was da ist.
    Ausgenommen der Teufel allein
    durch seinen großen Übermut
    ward ihm die Hölle zuteil.



    Adventskranz

    Der Adventskranz wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Norddeutschland erfunden, wahrscheinlich von dem Theologen und Erzieher Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der in einem Waisenhaus während der Adventszeit jeden Tag eine neue Kerze auf einem Kronleuchter angesteckt haben soll. Aus dieser Idee entwickelte sich der Tannenkranz, der besonders in der städtischen Mittel- und Oberschicht bald an Beliebtheit gewann. Dieser Brauch verbreitete sich nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland rasch von Norden nach Süden.




    Familienweihnachten

    Das Bürgertum des frühindustriellen 19. Jahrhundert erschuf ein familiäres Weihnachtsfest mit den uns bekannten Festmotiven mit bürgerlichem Gefühl, bürgerlichem Anstand, bürgerlicher Sitte und bürgerlicher Etikette.

    Aus dieser Zeit stammt die Tradition, dass der Weihnachtsbaum von den Eltern geschmückt und mit Geschenken bestückt von den Kindern erst am Heiligen Abend zur Bescherung gesehen werden darf. Auch die weihnachtliche Hausmusik zog mit der Verbreitung des Pianos in die bürgerliche "gute Stube" ein. Die traditionelle Herstellung von Weihnachtsgebäck in der häuslichen Küche wurde ebenfalls in dieser Zeit entwickelt.


    Kronprinz Wilhelm von Preußen (1882–1951) im Kreise seiner Familie zu Weihnachten (Fotografie aus der Mitte der 1920er Jahre).



    Drei Könige

    Wie sich aus den morgenländischen Magiern des Matthäus-Evangeliums die drei Könige Caspar aus Thorsis, Melchior aus Nubien und Balthasar aus Godolien - nach Beda Venerabilis (gest. 735, Angelsachse) - entwickeln, ist noch nicht endgültig geklärt. Möglicherweise durch die Dreizahl der Geschenke: Gold, Myrrhe und Weihrauch. Der Dreikönigssegen ist in lateinischen Texten ebenfalls seit Beda Venerabilis überliefert. Übernommen von heidnischen Schutzzaubern wird die Einsegnung von Häusern, Ställen, Menschen und Vieh von der Kirche übernommen.

    Die heiligen drei Könige wurden bereits im frühen Mittelalter mit den drei bekannten Kontinenten Europa, Asien und Afrika identifiziert, um den Allgemeingültigkeitsanspruch des Christentums zu unterstreichen. Die Darstellung eines der Männer als Mohr etablierte sich jedoch erst im Spätmittelalter. Bis dahin wurde eine andere Darstellungsform der Weisen bevorzugt, in der die Männer mit den drei Lebensaltern identifiziert wurden. In früh- und hochmittelalterlichen Darstellungen finden sich daher die Könige als die Personifikationen von Jugend, Erwachsenenalter und Greisenzeit.


    Anbetung der Madonna mit Kind durch die drei Könige als Abbildung im um 1200 in Frankreich entstandenen Ingeborgpsalter (f.8, Ausschnitt).



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